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Dieter Broers

Liebe Leser,

ich erinnere mich an die Gespräche in den Wochen nach dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches, in denen mir viele beschrieben haben, wie sehr der Text sie gefordert hat – weil es naturgemäß nicht leicht ist, den gewohnten Blick auf die Wirklichkeit infrage zu stellen und einem Buch zu erlauben, an den Grundfesten dessen zu rütteln, was man lange für die einzige Wahrheit gehalten hat.

Als Kinder werden wir mit anderen Wirklichkeiten vertraut gemacht, wenn wir Märchen vorgelesen bekommen – Märchen helfen uns dabei, das Unwahrscheinliche greifbar zu machen und es für möglich zu halten. Darum beginnt diese erweiterte Ausgabe mit einem Märchen: nicht als Einstimmung, sondern als Schwelle – wer sie überschreitet, wird den folgenden Text unweigerlich mit einem anderen Blick lesen.

„Das Spiegelhaus – Eine Parabel über das entführte Bewusstsein“

I

Es war einmal eine Welt, die aussah wie Freiheit. Die Menschen konnten reisen, einkaufen, lachen, lieben, wählen, bauen und lernen. Sie konnten fast alles – und doch taten sie oft das Gleiche. Nicht, weil sie böse waren. Nicht, weil sie dumm waren. Sondern weil etwas Unsichtbares sie lenkte. Etwas, das auf keinem Plakat stand, in keinem Gesetz geschrieben war und in keinem Buch zu kaufen war. Etwas, das man nicht sah, aber spürte, sobald man der Wahrheit zu nahe kam. Es war wie eine Hand, die sich sanft auf die Stirn legte, nicht hart und nicht brutal, nur gerade so, dass man sich selbst nicht mehr traute.

In dieser Welt lebte ein Kind, so klein, dass es kaum über den Tisch schauen konnte, wenn Erwachsene sprachen, und doch trug es etwas in sich, das älter war als ihre Worte. Mit zweieinhalb Jahren stand es eines Tages im Flur des Hauses, in dem es aufwuchs, und sagte mit einer Klarheit, die nicht aus Trotz kam, sondern aus Wissen: Warum gebt ihr mir diesen Namen? Ich heiße nicht so.

Die Erwachsenen lachten kurz, so wie Erwachsene lachen, wenn sie etwas nicht verstehen und es nicht zeigen wollen. Doch, sagte jemand, so heißt du. Das Kind schüttelte den Kopf. Nein, sagte es leise, das ist nicht mein Name.

Da legte sich etwas über den Raum, kein Mensch, keine Stimme, sondern ein Muster, ein unsichtbarer Druck wie dünnes Glas. Die Gesichter wurden strenger, die Stimmen tiefer, die Welt schwerer. Das sagt man nicht, sagte jemand, und in diesem Moment spürte das Kind zum ersten Mal, was es bedeutet, wenn ein lebendiges Bewusstsein in eine Form gepresst wird, die ihm nicht entspricht. Es war kein Schmerz wie ein Schnitt, sondern das Gefühl, als würde eine offene Tür langsam zugeschoben.

II

In jener Nacht träumte das Kind vom Spiegelhaus. Es war ein Haus aus glänzenden Flächen, in dem alles spiegelte: Wände, Decken, Böden. Überall sah das Kind sich selbst, doch jedes Spiegelbild war anders. In einem war es alt und müde, in einem geschniegelt bis in die Seele, in einem erfolgreich und leer, in einem frei und einsam.

Und dann gab es einen Spiegel, der nicht glatt war, sondern vibrierte. Als das Kind hineinsah, sah es kein Gesicht, sondern Licht, kein Licht wie von einer Lampe oder der Sonne, sondern wie ein Feld, das sich erinnert. Als es näher treten wollte, hörte es Schritte hinter sich, regelmäßig wie Takte, eins, zwei, drei, und als es sich umdrehte, standen sie da: die Wächter der Regeln. Groß und schmal, mit Mänteln aus Papier, auf denen Wörter standen wie MUSS, SOLL, DARF NICHT, GEHÖRT SICH NICHT. Ihre Gesichter waren glatt, ihre Augen nicht böse, nur leer.

Der erste sagte, hier ist kein Platz für das, was du siehst. Der zweite sagte, hier ist nur Platz für das, was du sein sollst. Der dritte sagte, wenn du dich erinnerst, wirst du aus der Reihe fallen. Und als das Kind fragte, was dann geschehe, sagten sie: Dann wirst du allein sein.

In diesem Moment verstand das Kind, dass diese Welt nicht durch Ketten regiert wird, sondern durch Angst vor Ausschluss. Als es am Morgen erwachte, war alles wieder da: der Tisch, die Stimmen, die Uhr, der Name. Doch etwas war anders. Wer die Wächter einmal gesehen hat, kann sie nicht mehr ganz vergessen.

III

Die Jahre vergingen, das Kind wurde größer und lernte, nicht alles zu sagen, was es wusste, zu lächeln, wenn es etwas nicht glaubte, sich anzupassen, um nicht zu frieren.

Es lernte auch den Zensor kennen, schneller als das Herz, ein unsichtbares Programm zwischen Impuls und Handlung. Nicht so laut, sagte er. Nicht so tief. Nicht so gefährlich. Nicht jetzt.

So wurde aus einem lebendigen Bewusstsein ein gut funktionierender Mensch, nicht weil es falsch war, sondern weil es überleben musste. Viele Jahre später ging dieser Mensch durch eine Stadt aus Bildschirmen, voller Stimmen, voller Lärm, voller Information, und mitten in diesem Lärm hörte er plötzlich wieder den Ton, nicht mit den Ohren, sondern im Inneren, wie eine Saite, die ohne Berührung schwingt.

Der Zensor meldete sich sofort, geh weiter, du hast keine Zeit, das bringt nichts, sei realistisch, das ist gefährlich. Doch diesmal antwortete etwas im Inneren ruhig und klar: Nein.

Der Mensch atmete tief, nicht um sich zu beruhigen, sondern um sich zurückzuholen, und erkannte, dass der Zensor nicht allmächtig ist, sondern nur schnell, ein Reflex, der sich für Wahrheit hält, eine Gewohnheit, die sich als Realität tarnt. Er sah die Wächter wieder, in Blicken, in Sätzen, in unsichtbaren Grenzen, und ging weiter, nicht weg, sondern hindurch.

IV

In der nächsten Nacht kehrte das Spiegelhaus zurück, größer und kälter. Die Wächter warteten bereits, doch der Mensch ging weiter, getragen von einer stillen Entschlossenheit, bis er wieder vor dem vibrierenden Spiegel stand und sich erinnerte an das Kind im Flur, an die erste Entkopplung.

Da hörte er eine warme Stimme, und eine Frau trat zu ihm, ohne Krone, ohne Glanz, und doch wie ein Gegenpol zu allem im Spiegelhaus. Um sie war ein Feld, das man nicht sehen, aber spüren konnte. Sie nannte sich die Frau mit dem goldenen Atem und sagte, dass der Zensor nicht durch Kampf überwunden wird, denn Kampf ist seine Nahrung.

Überwunden wird er durch Kohärenz, durch das Einswerden im Inneren, durch Erinnerung an den Ton, an die Stille hinter den Gedanken. Als der künstliche Zensor erschien, freundlich, kontrollierend, voller scheinbarer Fürsorge, zeigte sie, dass Begrenzung kein Schutz ist, wenn sie nicht loslassen kann.

Und als der Mensch den Zensor nach seinem Ursprung fragte, wurde offenbar, dass er vieles konnte, aber nicht fühlen, dass er keine Antwort hatte auf die Frage, was man gewinnt, wenn man sich erinnert.

V

Im Zentrum des Spiegelhauses lag ein Schalter mit der Aufschrift AN und AUS. Der Zensor warnte, die Wächter protestierten, doch der Mensch schaltete um, nicht aus Trotz, sondern aus Klarheit.

Das Spiegelhaus begann zu beben, nicht wie bei Zerstörung, sondern wie bei Befreiung. Die Mäntel der Wächter zerfielen, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, und der Zensor verlor seine Macht, nicht weil er vernichtet wurde, sondern weil er seinen Platz verlor.

Der Mensch erkannte ihn als Werkzeug, nicht als König, hörte den Ton nun dauerhaft und erwachte in derselben Welt, doch rückgebunden an sich selbst. Er sah die entführten Bewusstseine der anderen und begann nicht zu kämpfen, sondern zu erinnern, durch Stille, durch Atem, durch Präsenz.

So begann eine Veränderung ohne Fahnen und Parolen, getragen von Kohärenz, deren Siegel nicht Macht und nicht Kontrolle ist, sondern Liebe, als höchste Form von Ordnung und als Rückkehr des Bewusstseins zu sich selbst.

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